Das Hormonbarometer – wie sich weibliche Hormone im Laufe des Lebens verändern

Weibliche Geschlechtshormone bleiben im Laufe eines Lebens nicht gleich. Um diese Veränderungen anschaulich darzustellen, verwende ich den Begriff Hormonbarometer. Er ist kein medizinischer Fachbegriff, sondern ein Modell, das zeigt, wie sich vor allem Progesteron und Östradiol im Laufe eines Frauenlebens verändern. Dabei geht es um typische Entwicklungen. Wann sie beginnen und wie deutlich eine Frau sie bemerkt, ist individuell verschieden.

  

Zwischen 20 und 30: hohe Hormonspiegel

In den Zwanzigern arbeiten die Eierstöcke in der Regel sehr zuverlässig. Östradiol wird während der ersten Zyklushälfte gebildet. Nach dem Eisprung steigt zusätzlich Progesteron deutlich an.

Beide Hormonsysteme funktionieren auf einem hohen Niveau und sorgen gemeinsam nicht nur für Zyklus und Fruchtbarkeit. Progesteron und Östradiol wirken auch auf Gehirn, Knochen, Haut, Stoffwechsel und viele andere Gewebe.

  

Zwischen 30 und 40: langsame Veränderungen

Im Laufe der Dreißiger beginnen die Geschlechtshormone allmählich abzunehmen. Das geschieht meist langsam und bleibt häufig unbemerkt. Der Zyklus funktioniert weiterhin, und für viele Frauen gibt es zunächst keinen Anlass, sich überhaupt mit ihren Hormonspiegeln zu beschäftigen.

Das hormonelle Altern hat trotzdem bereits begonnen.

 

Zwischen 40 und 50: die Phase der Prämenopause

Etwa ab dem 40. Lebensjahr beginnt bei vielen Frauen eine neue Phase. Häufig wird sie als Prämenopause bezeichnet, also als Zeit vor der Menopause. In dieser Phase kann die Progesteronproduktion deutlich früher nachlassen als die Östradiolproduktion.

Der Grund liegt darin, dass Progesteron nach dem Eisprung im Gelbkörper gebildet wird. Werden Follikelreifung, Eisprung und Gelbkörperfunktion mit zunehmendem Alter weniger zuverlässig, kann auch weniger Progesteron entstehen.

Östradiol kann gleichzeitig noch relativ stabil bleiben. Damit verschiebt sich das Verhältnis beider Hormone: Progesteron nimmt ab, während Östradiol weiterhin wirkt.

Es kann eine sogenannte Östrogendominanz entstehen. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass absolut zu viel Östradiol vorhanden ist. Östradiol ist vielmehr im Verhältnis zu Progesteron stärker geworden. Diese Verschiebung gehört zu den möglichen physiologischen Veränderungen dieser Lebensphase. Nicht jede Frau entwickelt sie und nicht jede Frau bekommt Beschwerden.

Wenn Beschwerden entstehen, können beispielsweise neu auftretendes PMS sowie stärkere oder schmerzhaftere Blutungen dazugehören.

Auch Umweltstoffe mit hormonähnlicher Wirkung können das hormonelle Gleichgewicht zusätzlich beeinflussen. Diesen sogenannten endokrinen Disruptoren werden wir uns in einem eigenen Beitrag widmen.

 

Um die 50: Östradiol beginnt deutlich abzufallen

Im weiteren Verlauf verändert sich schließlich auch die Östradiolproduktion. Die Eierstöcke stellen ihre zyklische Tätigkeit zunehmend ein. Die letzte Menstruation bezeichnet man als Menopause. Der genaue Zeitpunkt lässt sich erst rückblickend bestimmen: Sind zwölf Monate lang keine Menstruationsblutungen mehr aufgetreten, gilt die letzte Blutung als Menopause.

In den Jahren um diesen Zeitpunkt herum kann Östradiol zunächst stark schwanken und schließlich deutlich absinken. Damit verändert sich die hormonelle Situation erneut. Zu einem möglicherweise bereits bestehenden Progesteronmangel kann nun ein Östradiolmangel hinzukommen.

  

Danach: die Postmenopause

Die Lebensphase nach der Menopause wird als Postmenopause bezeichnet. Progesteron und Östradiol werden nun von den Eierstöcken nur noch in sehr geringen Mengen produziert. Damit ist zwar die reproduktive Lebensphase beendet.

Die Bedeutung der Geschlechtshormone für den übrigen Körper endet aber nicht. Ihre Wirkungen auf Gehirn, Knochen, Haut, Schleimhäute, Muskeln und Stoffwechsel bleiben wichtig. Deshalb können sinkende Hormonspiegel auch Beschwerden verursachen, die mit Fruchtbarkeit überhaupt nichts zu tun haben.

  

Das Hormonbarometer ist eine Landkarte

Das Hormonbarometer beschreibt keine festen Altersgrenzen. Eine Frau kann mit 45 bereits deutliche hormonelle Veränderungen bemerken, während eine andere mit Mitte 50 noch einen regelmäßigen Zyklus hat. Das Modell zeigt vielmehr die typische Reihenfolge:

  • Zunächst verändern sich die Hormone langsam.
  • Dann kann Progesteron deutlich früher abnehmen als Östradiol.
  • Erst später fällt auch Östradiol deutlich ab.

Damit lässt sich verstehen, warum hormonelles Älterwerden bei Frauen nicht einfach bedeutet: „Die Östrogene sinken.“ Es ist ein Prozess in mehreren Phasen und jede Frau durchläuft ihn auf ihre eigene Weise.