Samhain – Zeit des Übergang, des Loslassen und der inneren Einkehr

Die Tage werden kürzer. Morgens liegt Nebel über den Feldern, die Bäume verlieren ihre Blätter und die Natur zieht sich sichtbar zurück. Der Sommer ist endgültig vorbei.

Am Abend des 31. Oktober beginnt mit Samhain eines der alten Jahreskreisfeste. In der keltisch-irischen Tradition markierte es den Übergang in den Winter und damit den Beginn der dunklen Jahreshälfte.

Heute kennen wir diesen Abend vor allem als Halloween. Hinter Kürbissen, Verkleidungen und Geschichten von Geistern verbirgt sich jedoch ein sehr altes Thema: der Übergang von einer Phase des Jahres in die nächste.

Nach Lichtmess, der Tag-und-Nacht-Gleiche, der Walpurgisnacht, der Sommersonnenwende und Lammas schließt sich damit für uns der Jahreskreis.

Nun geht es nicht mehr um Aufbruch, Wachstum oder Ernte. Es geht darum, abzuschließen, loszulassen und stiller zu werden.

 

Die Farben von Samhain: Schwarz, Orange und dunkles Rot

  • Schwarz:Dunkelheit, Rückzug und das noch Unbekannte. Nicht alles muss sichtbar sein. Manches entwickelt sich gerade dort, wo wir es noch nicht erkennen können.
  • Orange:Wärme, Feuer und das Licht, das wir mit in die dunklere Jahreszeit nehmen. Die Farbe der Kürbisse erinnert daran, dass auch im Herbst Fülle und Lebendigkeit vorhanden sind.
  • Dunkles Rot:Reife, Vergänglichkeit und Lebenskraft. Das kräftige Rot des Herbstlaubs zeigt noch einmal die ganze Intensität der Natur, bevor sie sich zurückzieht.

Diese Farben erzählen von einem Übergang. Nicht vom Ende des Lebens, sondern von einer anderen Phase davon.

 

Die Natur zeigt uns: Rückzug gehört zum Leben

Im Frühjahr scheint alles nach außen zu drängen. Knospen öffnen sich. Pflanzen wachsen. Tiere werden aktiv. Die Tage werden länger.

Im Herbst geschieht das Gegenteil.

  • Die Blätter fallen.
  • Pflanzen ziehen ihre Kräfte in Wurzeln und Samen zurück.
  • Viele Tiere sammeln Vorräte oder bereiten sich auf ihre Winterruhe vor.
  • Die Wachstumsprozesse werden langsamer.
  • Licht und Wärme nehmen ab.

Die Natur versucht nicht, den Sommer festzuhalten. Sie lässt ihn gehen. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften dieser Jahreszeit:

 

Nicht jede Phase unseres Lebens muss von Wachstum und Aktivität geprägt sein.

Es darf auch Zeiten geben, in denen wir reduzieren, abschließen und Kräfte sammeln.

Samhain, ein Fest an der Schwelle, Samhain war traditionell ein Fest des Übergangs.

In alten Vorstellungen galt diese Zeit als besondere Schwelle zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Verstorbenen. Menschen erinnerten sich an ihre Ahnen und erzählten Geschichten über jene, die vor ihnen gelebt hatten.

Vielleicht wirkt dieser Gedanke heute zunächst fremd. Und doch kennen auch wir das Bedürfnis, uns zu erinnern.

  • An Menschen, die nicht mehr da sind.
  • An Lebensphasen, die zu Ende gegangen sind.
  • An Entscheidungen, Beziehungen oder Erfahrungen, die uns geprägt haben.

 

Nicht alles, was vorbei ist, verschwindet. Manches wird Teil unserer eigenen Geschichte.

 

Was darf bleiben und was darf gehen?

Der Herbst ist eine gute Zeit für diese Frage. Vielleicht gibt es Dinge, die uns lange begleitet haben, aber inzwischen nicht mehr zu unserem Leben passen.

  • Eine Aufgabe.
  • Eine Gewohnheit.
  • Eine Erwartung.
  • Eine Vorstellung davon, wie etwas sein sollte.

Manchmal halten wir daran fest, weil es vertraut ist. Die Natur erinnert uns daran, dass Loslassen nicht bedeutet, etwas abzuwerten.

Ein Blatt fällt nicht vom Baum, weil es wertlos geworden ist. Seine Zeit ist einfach vorbei. Vielleicht können wir uns deshalb fragen:

  • Was hat mich durch dieses Jahr getragen?
  • Was möchte ich bewahren?
  • Was hat seine Aufgabe erfüllt?
  • Was darf ich zurücklassen?
  • Wo brauche ich weniger statt mehr?
  • Was möchte ich mit in die kommenden Monate nehmen?

 

Nicht jede dieser Fragen braucht sofort eine Antwort. Manchmal reicht es, sie überhaupt zu stellen.

 

Dunkelheit bedeutet nicht Stillstand

Unsere moderne Welt kennt kaum noch echte Dunkelheit. Wir verlängern den Tag mit elektrischem Licht. Wir arbeiten im Winter oft genauso viel wie im Sommer. Termine, Nachrichten und Anforderungen folgen keinem Jahreszeitenrhythmus.

Unser Körper jedoch nimmt die Veränderung wahr. Das Licht verändert sich. Die Tage werden kürzer. Wir verbringen mehr Zeit in Innenräumen.

Vielleicht dürfen auch wir in dieser Zeit ein wenig mehr nach innen gehen. Nicht als Rückzug aus dem Leben. Sondern als Gelegenheit, wahrzunehmen, was im Lärm des Sommers und der aktiven Monate leicht überhört wird.

Ruhe ist kein Gegenpol zum Leben. Sie gehört dazu.

 

Samhain in den Alltag holen

  • Einen Abend bewusst bei Kerzenlicht verbringen.
  • Einen Spaziergang durch die herbstliche Natur machen und beobachten, was sich verändert hat.
  • Etwas aussortieren, das nicht mehr gebraucht wird.
  • Sich an einen Menschen erinnern, der das eigene Leben geprägt hat.
  • Aufschreiben, was in diesem Jahr abgeschlossen werden darf.
  • Einen Kürbis, Äpfel, Nüsse oder andere herbstliche Lebensmittel bewusst genießen.
  • Einen ruhigen Abend ohne Verpflichtungen einplanen.

Es braucht kein großes Ritual. Oft reicht ein Moment, in dem wir bewusst wahrnehmen: Etwas geht zu Ende. Und etwas anderes beginnt.

 

Die Botschaft von Samhain

  • Alles hat seine Zeit.
  • Rückzug ist ein Teil natürlicher Entwicklung.
  • Loslassen schafft Raum.
  • Erinnerungen verbinden Vergangenheit und Gegenwart.
  • Nicht jede Veränderung muss sofort sichtbar werden.

Samhain erinnert uns daran, dass Leben nicht nur aus Werden und Wachsen besteht. Es gibt Zeiten des Beginnens. Zeiten des Wachsens. Zeiten des Erntens. Und Zeiten, in denen wir etwas beenden, bewahren und schließlich loslassen.

Vielleicht müssen wir die dunklere Jahreszeit deshalb gar nicht als Mangel an Licht betrachten. Vielleicht ist sie eine Einladung, das Licht ein wenig mehr nach innen zu richten.