Was bedeutet eine dauerhafte Cortsoltherapie?

Cortisol kann als Medikament aus zwei grundsätzlich unterschiedlichen Gründen eingesetzt werden:

  1. Cortisol wird ersetzt, wenn der Körper selbst nicht genügend davon herstellen kann.
  2. Die Cortisolwirkung wird therapeutisch verstärkt, zum Beispiel um Entzündungen, Allergien oder überschießende Immunreaktionen zu bremsen.

Bei einer Hormonersatztherapie versucht man, ungefähr die natürliche tägliche Cortisolwirkung nachzubilden. Bei Erwachsenen liegt diese häufig im Bereich von etwa 15–25 mg Hydrocortison pro Tag.

Werden dagegen entzündliche oder immunologische Erkrankungen behandelt, können deutlich höhere Cortisolwirkungen notwendig sein.

 

Welche Cortisolpräparate gibt es?

Für die Behandlung stehen verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung:

Hydrocortison entspricht dem körpereigenen Cortisol und wird deshalb besonders häufig verwendet, wenn tatsächlich fehlendes Cortisol ersetzt werden soll.

Andere Präparate wie Prednisolon, Prednison, Methylprednisolon oder Dexamethason wirken stärker und teilweise deutlich länger. Sie werden deshalb besonders dann eingesetzt, wenn die entzündungshemmende oder immunsuppressive Wirkung therapeutisch genutzt werden soll.

Die einzelnen Präparate unterscheiden sich also v.a. darin,

  • wie stark sie wirken,
  • wie lange sie wirken,
  • und wie stark sie dadurch den körpereigenen Cortisolregelkreis beeinflussen.

 

Warum spielt die Tageszeit eine Rolle?

Körpereigenes Cortisol wird nicht gleichmäßig über den Tag verteilt produziert. Wie im ersten Beitrag beschrieben, ist der Cortisolspiegel morgens hoch und fällt im Laufe des Tages ab.

Bei einer echten Hormonersatztherapie versucht man deshalb, diesen circadianen Rhythmus möglichst gut nachzuahmen: Die größte Hydrocortisondosis wird morgens eingenommen. Eine kleinere Dosis folgt häufig mittags oder am frühen Nachmittag. So soll möglichst viel Cortisol zu der Tageszeit zur Verfügung stehen, zu der der Körper natürlicherweise ebenfalls hohe Cortisolspiegel hätte.

Eine späte Einnahme kann dagegen dazu führen, dass auch am Abend noch eine stärkere Cortisolwirkung vorhanden ist, zu einer Zeit, in der der körpereigene Cortisolspiegel normalerweise bereits deutlich abgesunken wäre.

 

Was passiert bei höheren Dosierungen?

Je höher die von außen zugeführte Cortisolwirkung ist und je länger sie besteht, desto weniger ACTH produziert die Hypophyse. Damit bekommt die Nebennierenrinde immer weniger Aufforderung, selbst Cortisol zu produzieren.

Bei einer längerfristigen Behandlung mit höheren Dosen kann ACTH deshalb sehr stark absinken und die körpereigene Cortisolproduktion nahezu vollständig heruntergefahren werden. Das ist besonders relevant, wenn Cortisol nicht nur ersetzt, sondern seine Wirkung therapeutisch verstärkt wird.

Als grobe Orientierung gilt: Bereits bei einer längerfristigen täglichen Wirkung oberhalb des physiologischen Bereichs, also etwa oberhalb von 15–25 mg Hydrocortison beziehungsweise einer vergleichbaren Dosis eines anderen Präparates, kann der körpereigene Regelkreis zunehmend unterdrückt werden.

Dabei spielen immer mehrere Faktoren zusammen:

  • Höhe der Dosis,
  • Dauer der Behandlung,
  • Wirkstärke des Präparates,
  • Wirkdauer,
  • und individuelle Empfindlichkeit.

 

Warum entstehen bei längerer Behandlung unerwünschte Wirkungen?

Die unerwünschten Wirkungen einer längerfristigen Cortisoltherapie lassen sich direkt aus den normalen Aufgaben von Cortisol ableiten:

  • Cortisol erhöht die Glukosebereitstellung: Bleibt diese Wirkung dauerhaft hoch, steigt das Risiko für erhöhte Blutzuckerwerte und langfristig für einen Diabetes Typ 2.
  • Cortisol stabilisiert Herz und Kreislauf: Bei dauerhaft hoher Wirkung kann der Blutdruck steigen und damit auch das Risiko für Bluthochdruck.
  • Cortisol mobilisiert Fettreserven: Langfristig verändert sich die Fettverteilung: Fett wird verstärkt im Bauchraum gespeichert.
  • Cortisol baut Eiweiß ab: Dadurch kann Muskelmasse verloren gehen. Haut und Bindegewebe werden dünner, Wunden heilen langsamer und auch Knochen werden abgebaut. Das Osteoporoserisiko steigt.
  • Cortisol bremst die spezifische Immunabwehr: Das ist bei Entzündungen oder Autoimmunerkrankungen therapeutisch erwünscht. Bei längerer Behandlung kann dadurch jedoch die Infektanfälligkeit steigen.

Die sogenannten Nebenwirkungen entstehen also nicht zufällig. Sie sind eine Folge der Cortisolwirkungen, wenn diese über längere Zeit verstärkt vorhanden sind.

 

Warum darf Cortisol nach längerer Einnahme nicht einfach abgesetzt werden?

Wenn die körpereigene Cortisolproduktion über längere Zeit heruntergefahren wurde, kann sie nach dem Absetzen nicht unbedingt sofort wieder vollständig übernehmen. Wird das Medikament plötzlich weggelassen, fehlt die Cortisolwirkung von außen, während die Nebenniere möglicherweise noch nicht wieder genügend eigenes Cortisol produziert. Dann kann vorübergehend ein Cortisolmangel entstehen.

Deshalb wird eine längerfristige Cortisoltherapie in der Regel schrittweise reduziert. Mit sinkender Dosis kann ACTH wieder ansteigen und die Nebennierenrinde zunehmend zur eigenen Cortisolproduktion anregen.

Wie schnell das gelingt, ist individuell unterschiedlich.

 

Was bedeutet damit eine langfristige Cortisoltherapie?

Eine längerfristige Cortisoltherapie sollte deshalb nicht nach dem einfachen Prinzip „hilft oder hilft nicht“ beurteilt werden. Entscheidend ist auch, warum sie ursprünglich begonnen wurde, welche Dosis heute notwendig ist und ob Beschwerden möglicherweise sowohl von der ursprünglichen Erkrankung als auch von der Cortisolwirkung stammen können.

Eine längerfristige Therapie sollte deshalb nicht eigenständig verändert oder abgesetzt werden. Wenn eine Reduktion erwogen wird, müssen gemeinsam mit dem behandelnden Arzt zwei Fragen beantwortet werden: Welche Alternative gibt es für die ursprüngliche Erkrankung und kann die körpereigene Cortisolregulation wieder ausreichend übernehmen?