Cortisol – was macht dieses Hormon eigentlich?

Die Schilddrüsenhormone geben unserem Energiestoffwechsel gewissermaßen seine Taktung. Sie bestimmen mit, wie aktiv unsere Zellen im normalen Alltag arbeiten.

Cortisol hat eine andere Aufgabe: Es sorgt dafür, dass zusätzliche Energie zur Verfügung steht, wenn wir sie brauchen. Dafür wird Cortisol in der Nebennierenrinde gebildet.

 

Wann brauchen wir zusätzlich Energie?

Das beginnt schon am Morgen: Während der Nacht haben wir mehrere Stunden nichts gegessen. Trotzdem müssen Gehirn, Muskeln, Herz und alle anderen Organe weiter mit Energie versorgt werden. Noch bevor wir frühstücken, steigt deshalb gegen Morgen die Cortisolproduktion an. Cortisol hilft, Energiereserven zu mobilisieren und Glukose im Blut bereitzustellen. So bekommen wir den nötigen Push in den Tag.

Zusätzliche Energie brauchen wir aber auch bei besonderen Anforderungen, zum Beispiel:

  • bei körperlicher Belastung und Sport,
  • bei psychischem Stress,
  • bei Krankheit und Infektionen,
  • bei Verletzungen,
  • bei längeren Nahrungspausen,
  • oder wenn der Blutzucker zu stark absinkt.

In solchen Situationen können wir nicht erst etwas essen und auf die Verdauung warten. Der Körper greift deshalb auf vorhandene Reserven zurück. Cortisol:

  • erhöht die Glukosemenge im Blut,
  • mobilisiert Fettreserven,
  • baut Eiweiß ab, dessen Bestandteile ebenfalls zur Energiebereitstellung genutzt werden können,
  • hält Herz und Kreislauf leistungsfähig,
  • stimuliert die unspezifische Immunabwehr, damit der Körper beispielsweise auf Verletzungen schnell reagieren kann,
  • bremst gleichzeitig die spezifische Immunabwehr,
  • und sorgt dafür, dass das Gehirn bevorzugt auf bereits bekannte und bewährte Verhaltensweisen zurückgreift. In einer Belastungssituation spart das Zeit, kreative neue Lösungen wären langsamer.

 

Cortisol folgt unserer inneren Uhr

Die Cortisolproduktion ist nicht den ganzen Tag gleich hoch. Sie folgt einem circadianen Rhythmus. Damit bezeichnet man biologische Abläufe, die sich ungefähr alle 24 Stunden wiederholen.

Cortisol steigt gegen Ende der Nacht an, erreicht morgens hohe Werte und fällt im Laufe des Tages wieder ab. Das Schlafhormon Melatonin verläuft weitgehend gegenläufig: Es steigt am Abend an und ist nachts hoch. Vereinfacht gesagt:

  • Cortisol unterstützt Aktivität und Wachsein.
  • Melatonin unterstützt Schlaf und Regeneration.

Gemeinsam helfen beide Hormone, unseren Schlaf-Wach-Rhythmus zu organisieren.

 

Wer steuert die Cortisolproduktion?

Auch die Nebenniere entscheidet nicht allein, wie viel Cortisol sie produziert. Die Steuerung beginnt im Gehirn: Der Hypothalamus erfasst unter anderem Tageszeit, Schlaf-Wach-Rhythmus und aktuelle Belastungen. Er gibt diese Information an die Hypophyse weiter. Die Hypophyse ist eine hormonelle Steuerzentrale. Sie bildet das Hormon ACTH. Es gelangt über das Blut zur Nebennierenrinde und regt dort die Bildung von Cortisol an.

Steigt ausreichend Cortisol im Blut an, wird dies an Hypothalamus und Hypophyse zurückgemeldet. Beide reduzieren ihre Signale, ACTH sinkt und die Nebenniere bildet weniger Cortisol. Das nennt man negative Rückkopplung.

So kann der Körper die Cortisolproduktion laufend an Tageszeit und aktuelle Anforderungen anpassen.

 

Was passiert bei zu wenig oder zu viel Cortisol?

Zu wenig CortisolZu viel Cortisol
Energie: Bei Belastung kann nicht ausreichend Energie bereitgestellt werden; Schwäche, geringe Belastbarkeit und Unterzuckerungen können auftreten.Energie: Der Blutzucker steigt leichter an; langfristig erhöht sich damit das Risiko, einen Diabetes Typ 2 zu entwickeln.
Herz und Kreislauf: Blutdruck und Kreislauf können absinken.Herz und Kreislauf: Der Blutdruck kann ansteigen; langfristig steigt das Risiko für Bluthochdruck.
Fettstoffwechsel: Energiereserven können bei Bedarf schlechter mobilisiert werden.Fettstoffwechsel: Fett wird zunehmend aus der typischen Speicherung an Hüften, Beinen und Gesäß in den Bauchraum verlagert.
Eiweiß und Gewebe: Bei ausgeprägtem Mangel fehlt die notwendige Anpassung an Belastungen.Eiweiß und Gewebe: Der verstärkte Eiweißabbau kann Muskelmasse reduzieren. Haut und Bindegewebe werden dünner, die Wundheilung verlangsamt sich. Auch Knochen werden abgebaut, dadurch steigt das Osteoporoserisiko.
Immunsystem: Die Anpassung der Immunantwort an Belastungen kann beeinträchtigt sein.Immunsystem: Die spezifische Immunabwehr wird gebremst; dadurch kann die Infektanfälligkeit steigen.
Gehirn: Belastungen können schlechter kompensiert werden.Gehirn: Das Denken orientiert sich stärker an bekannten Strategien; geistige Flexibilität und Kreativität können bei dauerhaft hoher Belastung abnehmen.

Sowohl ein ausgeprägter Cortisolmangel als auch dauerhaft zu viel Cortisol können Ausdruck einer Erkrankung sein. Die Ursache sollte deshalb ärztlich abgeklärt werden.

 

Cortisol als Medikament

Cortisol kann auch therapeutisch eingesetzt werden.

Dabei kann es entweder fehlendes körpereigenes Cortisol ersetzen oder seine Wirkungen können gezielt zur Behandlung von Erkrankungen genutzt werden.

Was dabei mit dem körpereigenen Regelkreis geschieht, darum geht es im nächsten Beitrag.